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Sonntag, 21. Oktober 2012

[Hörbuch] "Er ist wieder da" von Timur Vermes

Zum Inhalt: Es ist 2011, als Adolf Hitler plötzlich auf einem brachliegenden Gelände in Berlin aufwacht. Seine letzte Erinnerung ist, dass er sich gegen Ende des Krieges im Führerbunker befunden hat. Wo sind seine treuen Anhänger? Wo ist Eva? Nur langsam dämmert es dem Führer, dass doch einige Jahrzehnte vergangen sind und die Welt sich verändert hat. Die Menschen, denen er begegnet, sind begeistert. Nicht etwa, weil sie glauben, dem echten Führer gegenüber zu stehen. Nein, sie glauben, dass er ein aufstrebender, wenn auch exzentrischer Komiker ist, der so in seiner Rolle aufgeht, dass er sogar in seiner Freizeit "den Hitler macht". Auch "die Bellini", die Chefin eines großen Medienkonzerns, ist davon so begeistert, dass sie ihm gleich eine Rolle in einer Comedy-Sendung verschafft. Und so beginnt der Führer erneut seinen Aufstieg als Liebling der Massen, wenn auch anders, als er geplant hätte.

Infos zum Buch: "Er ist wieder da", Lübbe Audio, Hörbuch, 19,33 € | Bei Amazon kaufen

Meine Meinung: Als ich von dem Buch in der Werbung gehört habe, wusste ich gleich, dass ich es unbedingt lesen musste. Die Geschichte klang so verrückt und absurd, das konnte nur toll werden! Als ich dann auch noch erfahren habe, dass das Hörbuch von Christoph Maria Herbst gelesen wird, war mir auch klar, dass es nach langer Zeit mal wieder ein Hörbuch in meinen Besitz schaffen würde.

Schon direkt beim ersten Satz wurde dann auch klar, dass es kaum jemand besseren für diese Rolle gegeben hätte. Denn Herr Herbst zieht es wirklich durch, das gesamte Hörbuch in seiner besten Hitler-Stimme zu lesen. Fast könnte man meinen, es wäre tatsächlich der ehemalige Führer, der uns von seiner verrückten Zeitreise berichtet.

Natürlich gibt es hier sehr viel politisch inkorrekten Humor und viele Stellen, wo einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Oder viel mehr, an denen man lacht und dann errötet und sich voller Scham umschaut, weil man sich gar nicht sicher ist, ob man darüber überhaupt lachen darf und soll. Doch mit diesen Zweifeln und dieser Kritik räumt das Buch eigentlich auch in sich selbst wieder auf. Denn auch in der Geschichte wird das Thema "Holocaust" durch die Comedysendungen mit viel Ironie und viel krassem Humor behandelt. So kommt auch hier immer wieder die Frage auf: "Geht das? Darf man das?" Hitler sieht sich so immer wieder Personen gegenüber, die das ganz und gar nicht lustig finden oder nichts damit anzufangen wissen. Er hat Politiker im Talk in seiner Sendung, er sieht sich mit Fragen konfrontiert, wie z.B. ob er denn wirklich die Tötung so vieler Menschen mit Humor betrachten will. Und immer wieder kommt es so aus, dass durch die Handlung letztendlich ja doch nur der ehemalige Führer selbst dumm da steht. Außerdem wird der Gesellschaft immer wieder ein Spiegel vorgehalten. So trifft Hitler beispielsweise auf türkische Jungs, die sich doch eher eigenwillig ausdrücken. Man lacht dann über seine Reaktion, muss sich aber gleichzeitig fragen: Wäre ich selbst so offen, da jetzt nichts Böses zu denken? So geht es in dem Buch eigentlich viel mehr um die heutige Gesellschaft, als wirklich um den ehemaligen Führer und das Dritte Reich.

Ob das jetzt dem eigenen Humor entspricht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich fand das Buch toll, die Geschichte sehr originell. Und das Hörbuch hat dem ganzen durch den wunderbaren Christoph Maria Herbst natürlich nochmal ein Krönchen aufgesetzt. Wer die Möglichkeit hat, dem würde ich auf jeden Fall empfehlen, das Hörbuch zu kaufen.

Bewertung:

Sonntag, 8. Juli 2012

"Das Vermächtnis der Wanderhure" von Iny Lorentz

Zum Inhalt: Für Marie und Michel könnte es nicht besser laufen. Marie ist zum zweiten Mal schwanger und die beiden leben glücklich mit ihrer Tochter Trudi auf Burg Kibitzstein. Doch stur wie Marie nunmal ist, lässt sie es sich nicht ausreden, noch in ihrem schwangeren Zustand ihre Freundin Hiltrud zu besuchen. Die Reise nach Rheinsobern ist aber lang dort erfährt zudem ihre größte Feindin Hulda von Maries Schwangerschaft und lässt diese verschleppen.

Wieder einmal findet sich Marie in einer fast auswegslosen Situation wieder, denn sie wird ins ferne Russland verschleppt und Hulda schafft es, dass sogar Michel glaubt, seine Frau wäre tot. Kurzum wird er mit einer neuen Frau verheiratet und ist nicht mehr frei, als seine Frau doch wieder einmal den Weg nach Hause zurück findet.

Infos zum Buch: "Das Vermächtnis der Wanderhure", Knaur, Taschenbuch, 715 Seiten, 9,99 € | Bei Amazon kaufen

Meine Meinung: Es gab endlich mal wieder ein Wiedersehen mit Marie und Michel. Ich gebe zu, dass ich die Bücher von Iny Lorentz niemals nacheinander lesen könnte, denn natürlich sind sie stellenweise auch sehr kitschig. Wenn man dann so einen Schinken durch hat, braucht man erstmal Pause davon. Trotzdem freue ich mich auch immer wieder auf das nächste Buch. Wobei ich die Reihe der Wanderhure ja auch bald durch habe.

Auch in "Das Vermächtnis der Wanderhure" kommt wieder viel Kitsch vor, es wird wieder viel übertrieben und natürlich hat Marie auch wieder einmal mehr Glück als Verstand. Sicherlich ist sie fortschrittlicher als die meisten Frauen ihrer Zeit. Sie glaubt nicht blind an alles, was ihr Religion und Klassengesellschaft vorgeben, hinterfragt auch gern mal Dinge und fügt sich vor allem nicht bedenkenlos in eine ihr zugeteilte Rolle. Dadurch wäre sie sicherlich in vielen Situationen weitergekommen, als die meisten anderen Frauen. Aber dass sie nur deshalb ständig genau die richtigen Personen auf ihrer Seite hat, halte ich doch für etwas übertrieben.

Überhaupt muss ich sagen, dass mir im 3. Teil der "Wanderhuren"-Reihe doch so einiges sauer aufgestoßen ist, was ich bei den Vorgängern zumindest nicht so übertrieben wahrgenommen hatte. Vor allem scheint das Buch diesmal sehr zwischen zwei Extremen zu schwanken und dabei nur einen wackligen Spagat halten zu können. Auf der einen Seite ist die extreme Sexualität. Obwohl Maries Jahre als Wanderhure nun lange vorbei sind, handelt eigentlich alles nur von sexuellem Verlangen. Klar waren das damals andere Zeiten und Frauen hatten da sicher weniger Mitspracherecht, aber es vergehen wirklich kaum 10 Seiten, bis wieder die Rede von irgendeinem Schäferstündchen, einer Vergewaltigung oder "ehelichen Pflichten" ist. Dabei bringt das in diesem Buch wirklich die Geschichte nicht oder kaum weiter. Auf der anderen Seite sind die wirklich lang und ausgiebig beschriebenen politischen Situationen und Schlachtszenen. Kein Schwerthieb vergeht, ohne im Detail beschrieben zu werden. Insgesamt merkt man sehr gut, dass hier ein älteres Paar das Buch geschrieben hat, wobei beide ihr Augenmerk auf unterschiedliche Schwerpunkte gelegt haben. Doof nur, wenn man wie ich mit beidem in diesem Fall nicht mehr viel anfangen konnte. Deshalb habe ich diesmal wirklich sehr viele Stellen mehr überflogen als gelesen.

Die Geschichte selbst ist dafür aber wieder mal sehr originell. Zunächst hatte ich ja befürchtet, dass sie dem Vorgänger zu sehr ähnelt und im Kern tut sie das ja auch. Wieder sind Marie und Michel getrennt, wieder muss Marie eine lange Reise auf sich nehmen und wieder gibt es jede Menge glückliche Zufälle. Aber dadurch, dass die Ausgangssituation diesmal eine andere ist und dass es Marie in eine ganz andere Ecke verschlägt, ist doch wieder alles anders. Sehr gut umgesetzt finde ich hier die generelle Stimmlage in Russland. Allein durch die Beschreibung der Menschen dort und deren Sprache gibt das dem Buch eine andere Atmosphäre. Damals waren die Unterschiede zwischen den Menschen in den verschiedenen Ländern und Regionen ja noch viel größer als heute und das wird hier sehr gut dargestellt. Und nicht nur darin zeigt sich wieder mal, dass die beiden Autoren sich wirklich sehr gut vorbereitet und umfangreiche Recherche betrieben haben. Wie schon seine Vorgänger orientiert sich die Handlich wieder stark an der politischen Situation, wie sie damals nunmal war.

Ich muss also sagen, dass ich immer noch ein Fan von Iny Lorentz bin, allerdings weiß ich nicht, ob es eine so gute Idee war, die Geschichte der "Wanderhure" noch weiterzuführen, denn langsam scheinen Schlachten und Sex an vielen Stellen als Lückenfüller eingesetzt zu werden. Vielleicht hätten die beiden besser gleich an einem neuen Wert arbeiten sollen.

Bewertung:

Dienstag, 12. Juni 2012

Anne Frank Tagebuch

Nein, hierzu möchte ich keine Rezension schreiben, denn ich bin nicht der Meinung, dass es hier um Schreibstil, Wortwahl und Unterhaltungswert geht. Viel mehr geht es mir darum, das Buch wirklich jedem ans Herz zu legen, der es noch nicht gelesen hat.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich das Buch erst jetzt gelesen habe. Meine Schule war...nunja, sehr darum bemüht, uns ja nicht das Dritte Reich vergessen zu lassen, aber uns wirklich ein Gefühl dafür zu vermitteln, was damals passiert ist und wie schlimm das war, lag wohl jedem fern. Jedenfalls konnte ich seinerzeit jedes Datum von jedem Ereignis und jeden Namen von irgendwem, der in der Politik eine Rolle gespielt hat, auswendig runter rasseln. Aber interessiert hat es mich nicht.

Deshalb hat es wohl jeden überrascht, dass ich in Amsterdam gesagt hab, ich möchte mir das Anne Frank Haus anschauen, sogar mich! Und tatsächlich war es für mich zuerst nur ein weiterer Stop auf meiner Sightseeing-Liste. Je länger ich aber durch die Räume gegangen, Treppen rauf- und wieder runtergekrabbelt bin und je größer meine Gänsehaut bei den winzigen dunklen Räumlichkeiten wurde, desto mehr hat mich das alles auf einmal interessiert. Nicht, was Hitler oder sonstwer wann wie wo verkündet hat, welcher Staat wann wo eingefallen ist und welchen Landstrich erobert hat, sondern die Menschen.

Deshalb lag es natürlich nahe, mir noch gleich an Ort und Stelle Anne Franks Tagebuch zu kaufen. Und beim Lesen wurde schnell klar: Hätte man mich das schon eher lesen lassen, hätte mich die Geschichte unseres Landes schon viel eher berührt.

Das Buch ist nicht voll von Fakten, die man von weitem betrachtet und die einen deshalb nicht berühren. Es geht nicht um "die Juden", eine gesichtslose Masse von Persönlichkeiten, die einem zwar leid tun, für die man aber wegen dem mangelnden Bezug keine wirklichen Gefühle entwickeln kann. Sondern es geht um ein junges Mädchen und ihre Gedanken und Gefühle. Das Buch hätte zu jeder Zeit von jeder Jugendlichen geschrieben werden können, denn hier geht es gar nicht um Krieg oder Politik, sondern darum, wie es ist, erwachsen zu werden. Nur, dass Anne, im Gegensatz zu uns allen erstens gar nicht erst erwachsen werden durfte und zweitens ihre Pubertät auf engstem Raum mit ihr teils fremden Menschen erleben musste. Und obwohl eigentlich nur selten von Politik, Krieg oder den Nazis die Rede ist, wird gerade dadurch erst wirklich klar, was man den Menschen damals damit angetan hat.

Vorstellen kann ich mir alles natürlich immer noch nicht vollständig. Aber ich fand das Buch großartig und habe erst jetzt das Gefühl, so langsam zu verstehen, was damals passiert ist. Sofern man das jemals kann.

Wer es noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt so schnell wie möglich nachholen.

Dienstag, 5. Juni 2012

The Boy in the Striped Pyjamas von John Boyne

Zum Inhalt: Bruno ist 9 Jahre alt, als er mit seiner Familie von Berlin an einen neuen Ort zieht. Von diesem Ort weiß er nichts, nur, dass sein Vater wegen seinem Beruf dorthin gehen musste und dass er, Bruno, den Ort nicht mag. Das Haus der Familie ist viel kleiner als das alte, es gibt dort keine Kinder, mit denen er spielen könnte und überhaupt befindet sich sein neues Zuhause mitten im Nirgendwo. Überhaupt ist vieles Bruno plötzlich unbekannt und suspekt. Was wollen die vielen Soldaten plötzlich ständig bei seinem Vater, warum leben so viele Menschen in den Hütten hinter dem Zaun, den er von seinem Zimmer aus sehen kann und warum werden manche Leute an seinem Wohnort von den Soldaten so schlecht behandelt?

Als sowohl die Langeweile als auch der Berg an Fragen in Brunos Kopf zu groß werden, beschließt er, seinen neuen Wohnort zu erkunden. Bei einem Spaziergang an dem langen Zaun entlang begegnet er plötzlich einem Jungen. Zunächst freut er sich, endlich ein anderes Kind zu treffen. Doch schnell fällt ihm auf, dass Shmuel irgendwie anders zu sein scheint. Er wirkt sehr traurig, ist viel zu dünn und trägt immer nur einen gestreiften Pyjama. Außerdem lebt er auf der anderen Seite des Zauns. Doch er ist der einzige Freund, den Bruno dort findet und deshalb trifft er sich immer wieder mit Shmuel. Schnell entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden, doch durch Shmuel erfährt Bruno auch Dinge, deren schlimmes Ausmaß er sich gar nicht vorstellen kann.

Infos zum Buch: "The Boy in the Striped Pyjamas", Random House UK, Taschenbuch, 214 Seiten, 7,40€ | Bei Amazon kaufen 

Meine Meinung: Warum bin ich eigentlich immer und immer und immer wieder an diesem Buch vorbei gelaufen, ohne es zu kaufen? Wie oft hatte ich es in der Hand, habe wieder und wieder die ersten Seiten und den Klappentext gelesen und stand kurz davor, es zu kaufen, nur um es doch wieder zurück zu legen? Jetzt habe ich es endlich in Amsterdam gekauft - warum jetzt und da, kann ich gar nicht sagen - und habe es fast noch am gleichen Tag ausgelesen. Zugegeben, mit knapp 210 Seiten ist es auch nicht besonders dick, aber es ist mir lange nicht mehr passiert, dass mich ein Buch so gefesselt hat. Eigentlich müsste ich dafür sogar noch ein Extra-Kitten vergeben. Aber nun gut...

Der Erzählstil, den Boyne hier nutzt, ist absolut genial. Das Buch wird aus Brunos Sicht erzählt und entsprecht so der Sicht eines Neunjährigen. Ich schließe für einen Moment die Augen und erinnere mich an mich selbst in dem Alter. Auch ich hätte an Brunos Stelle wohl alles ähnlich gesehen. Er bekommt eigentlich alles mit, versteht aber natürlich nur wenig davon. Seine Eltern erklären ihm ebenfalls nicht alles und so muss er sich alles mehr oder weniger selbst verständlich machen. Und welches Kind könnte sich selbst in seiner Fantasie, eine Sache wie den Holocaust vorstellen? Dabei setzt Boyne geschickt Begriffe ein, die durch Brunos kindliches Verständnis vereinfacht sind. So ist z.B. nie von "dem Führer" die Rede, sondern von "the fury". "Auschwitz" ist bei Bruno "Out-With". So dauerte es zwar ein wenig, bis ich das verstanden habe, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich das doch genial finde.

Genau so läuft es auch bei den Gesprächen zwischen den beiden Jungen. Wäre Bruno ein Erwachsener, würde man seinen Charakter wohl hassen. Denn wenn Shmuel ihm von den Zuständen im Lager erzählt und wie er dorthin gekommen ist, findet Bruno sein eigenes Schicksal eigentlich immer viel schlimmer. Denn immerhin musste Shmuel ja kein so schönes großes Haus in Berlin zurücklassen und auch keine so tollen besten Freunde und er muss sich auch mit keiner so dämlichen älteren Schwester rumschlagen. Als Erwachsenen mit einem gewissen Verständnis für die politische Lage hätte man ihn also verachtet und für einen egoistischen Wichtigtuer gehalten. Da er aber nur ein kleiner Junge ist, der sich nicht einmal annähernd ein Bild von den Geschehnissen in seinem Heimatlang machen kann, wirkt diese Reaktion völlig natürlich. Es gibt nun einmal kaum Schlimmeres als seine blöde Schwester. Und so versteht Bruno auch tatsächlich erst Schritt für Schritt, wie schlecht es seinem neuen Freund wirklich geht.

Ich glaube, das Buch ist eines der genialsten, die ich bisher über dieses komplexe Thema gelesen habe. Es geht hier natürlich um Nazis und Juden und die schlimmen Geschehnisse der Zeit, aber eben auch um eine innige Freundschaft, die sich trotz der mehr als widrigen Umstände entwickelt. Und natürlich auch um Kinder, die trotz allem eigentlich einfach nur Kinder sein wollen.

Bewertung:

Freitag, 9. März 2012

Die Kastellanin von Iny Lorentz

Zum Inhalt: Zehn Jahre sind nun vergangen, seit Marie und Michel zu den Herren von Rheinsobern erklärt wurden und ihre Burg dort bezogen haben. Beide sind sehr glücklich miteinander und alles ist so, wie Marie es sich erträumt hat. Nur eins betrübt sie: In all den Jahren konnte sie Michel bisher keine Kinder schenken und so beginnt sie zu glauben, dass ihr das auch gar nicht vergönnt ist.

Doch auch im deutschen Kaiserreich ist die Stimmung getrübt, denn man befindet sich im Krieg mit den Hussiten. Schließlich muss auch Michel in den Krieg ziehen, als Anführer eines Kriegeszug einiger Ritter aus der Umgebung und deren Gefolge. Da Michel auf keine glorreiche Herkunft verweisen kann, sind einige seine Mitstreiter alles andere als glücklich über dessen hohes Ansehen beim Kaiser und beim Reichsgrafen. Nach einer Schlacht kehrt Michel auch nicht zurück und wird kurze Zeit später als tot erklärt. Marie wird somit zur Witwe und ehe sie sich versieht, wird ihr Heim und ihre Herrschaft einem neuen Besitzer zugesprochen und gleich mehrere Anwärter reißen sich darum, die schöne und reiche Witwe zu heiraten. Doch Marie denkt gar nicht daran, sich einem neuen Ehemann hinzugeben. Im Gegenteil glaubt sie sogar, ihr Michel lebt noch. Und so schließt sie sich als Marketenderin einem neuen Heereszug an, in der Hoffnung, einen Hinweis auf den Verbleib ihres Mannes zu finden.

Meine Meinung: Vorweg vielleicht gleich die erste Schwäche, die der zweite Teil der "Wanderhure"-Reihe hatte: Sprachlich wurde es an vielen Stellen einfach sehr schnulzig. Das war, meine ich, im ersten Teil nicht der Fall. Vielleicht auch deshalb, weil es da einfach weniger Anlass für Herzschmerz und Schnulz gab. Dennoch bin ich der Meinung, dass man auch solche Stellen meistern kann, ohne zu sehr an Hausfrauenromänchen zu erinnern. Gut, das ist jetzt sehr krass ausgedrückt und so sehr störend ist es dann auch nicht. Aber stellenweise brachte es mich doch dazu, ordentlich mit den Äuglein zu rollen.

Ansonsten finde ich die Sprache aber durchaus wieder sehr passend und gut gewählt. Natürlich wäre es bei den meisten historischen Büchern vermessen zu sagen, dass sie genau der damaligen Sprache angepasst sind. Zum Glück. Ich hatte ja manchmal schon so meine liebe Mühe, das genuschelte Plattdeutsch von meinem Opa zu verstehen. Nicht auszumalen, wie schwierig es dann wäre, die Sprache unserer Vorfahren von vor mehreren hundert Jahren zu verstehen. Ich glaube, für die 600 Seiten des Buches hätte man dann gut und gerne ein paar Jährchen gebraucht. Aber für unsere Verhältnisse ist der Sprachstil der "Wanderhure"-Reihe sehr altmodisch und schmuckhaft. Kurzum: Würden Freunde so mit mir sprechen, ich würde sie auslachen, aber für ein historisches Buch finde ich das sehr passend und schön. Anders mag ich es auch gar nicht, denn dann würde es schwer, sich in die Charaktere und die damaligen Verhältnisse hinein zu versetzen.

Das ist ja ohnehin bei historischen Büchern manchmal nicht so leicht. Die beschreibenen Damen und Herren leben ja nunmal in ganz anderen Verhältnissen wie wir heute. Viele Situationen kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen.Und so ist es manchmal schwierig, zu verstehen, wie eine Person sich z.B. so intensiv mit der Pflege von einer Totkranken beschäftigt. Heutzutage würde man sich das gar nicht mehr zutrauen, weil man ja weiß, dass medizinisches Fachpersonal nicht weit ist. Damals war das eben anders. Auch die Anwendung von Gewalt und der Umgang mit dem Tod war damals eben ein ganz anderer. Stellenweise muss man wirklich schlucken, obwohl das Buch solche Situationen nur nebenbei erwähnt. Dann kommt man aber doch immer wieder zu dem Punkt, dass man sich sagen muss, dass diese Dinge damals eben auch wirklich "nebenbei" liefen. Das finde ich persönlich auch an historischen Büchern so interessant. Sie sind - zumeist - sehr real und dadurch wesentlich näher an uns dran als z.B. Fantasybücher. Und doch kann man sich aus heutiger Sicht vieles davon genauso wenig vorstellen wie einem Vampir zu begegnen oder Magie anzuwenden.

Auffällig ist, dass der Charakter von Marie über die Jahre noch gefestigter scheint. Gegen Ende des ersten Buches wirkte sie aufgrund ihrer Erlebnisse ja schon sehr tough, aber eben auch sehr verschreckt und leicht verbittert, verständlicherweise. Durch ihr glückliches Leben mit Michel erscheint so nun viel gelöster und selbstbewusster, aber sie weiß nun eben auch ganz genau, was sie will. Wenn sie eine Entscheidung trifft, bleibt sie dabei und ist in ihrer Handlungsweise sehr konsequent. Ich finde es sehr schön, wie genau sich die Autoren Gedanken über die wahrscheinliche persönliche Entwicklung einer Person mit Maries Lebensgeschichte gemacht zu haben scheinen und wie glaubwürdig ihre Handlungen dadurch erscheinen. Auch Michel ist wieder sehr gut beschrieben, auch wenn sich hier ein nicht ganz so großer Sprung vom damaligen jungen Krieger zum heutigen Ritter erkennen lässt. Dahingegen sind die "Bösen" der Geschichte mal wieder ein bißchen sehr platt und es gibt viel Schwarz-Weiß-Malerei. Immerhin wird ein wenig versucht, auf entsprechende Hintergründe und Schicksalsschläge hinzuweisen, welche bei dem ein oder anderen zu weniger schönen Wesenszügen geführt haben. Aber insgesamt wird besonders der Ritter Falko von Hettenheim mir zu sehr als eine Art "Disney"-Bösewicht beschrieben, durchweg und scheinbar grundlos bösartig. Da allerdings die restlichen Personen so gut und glaubhaft beschrieben sind, ist das auch noch zu entschuldigen.

Insgesamt reicht es nicht ganz an die fünf Kitten des ersten Teiles heran, aber dennoch war es wirklich schön, mal wieder was von Marie und Michel zu lesen.

Bewertung:

Zur "Rache der Wanderhure": Kürzlich lief ja der vermeintlich zweite Teil der "Wanderhure"-Reihe auf Sat1. Ich habe beide Filme nicht gesehen und auch "Die Rache der Wanderhure" nicht gelesen, daher kann ich zur Qualität dieser nichts sagen. Tatsache ist jedoch, dass der Film eine abgewandelte Version von "Die Kastellanin" ist, offensichtlich, wenn man den Meinungen vieler glauben darf, mit mehr Herzschmerz und Drama, baby! Ich persönlich bin nicht der Meinng, dass es das gebraucht hat. Noch unnötiger fand ich dann, dass "Die Kastellanin" also noch einmal umgeschrieben, dem Film angepasst und dann unter dem Titel "Die Rache der Wanderhure" veröffentlicht wurde. Ja, ihr lest richtig, es handelt sich dabei NICHT um den fünften Teil der Reihe und ist daher für diejenigen, die "Die Kastellanin" gelesen haben, komplett sinnlos. Ob man als neuer Leser jetzt besser das eine oder andere liest, sei jedem selbst überlassen. Ich habe, wie gesagt, nur eins davon gelesen, würde aber wohl auch jetzt eher zum Original tendieren und finde persönlich auch, dass ein Autor zu seinem eigentlichen Werk stehen sollte, mit all seinen Stärken und Schwächen.

Dienstag, 30. August 2011

Der Pestengel von Freiburg von Astrid Fritz


Zum Inhalt: Clara und Heinrich führen ein harmonisches Leben mit ihren Kindern in Freiburg. Heinrich ist Arzt und Clara hilft ihm häufig bei seinen Patientenbesuchen. Ihre größte Sorge ist dabei, dass ihr ältester Sohn, Benedikt, sich so gar nicht so entwickelt, wie sie es sich gewünscht hätten. Heinrich ist enttäuscht, weil Benedikt lieber als Steinmetz arbeitet, statt als Arzt in seine Fußstapfen zu treten. Clara hingegen ist besorgt wegen der Liebschaft, welche sich schon seit ihrer Kindheit zwischen ihrem Sohn und der jüdischen Nachbarstochter, Esther, entwickelt. Aber dies sind kleine Sorgen, die die allgemeine Harmonie in der Familie nicht stören, bis sich in vielen deutschen Städten die Christen gegen ihre jüdischen Mitmenschen - und somit auch gegen deren Befürworter - wenden. Kurz darauf erreicht auch die Pest Freiburg und Claras kleine Welt wird durch die viele Ereignisse völlig auf dem Kopf gestellt.

Meine Meinung: Ich lese zwar sehr gerne historische Bücher, aber sonst befasse ich mich nicht genug mit der damaligen Zeit, um wirklich sagen zu können, wie genau sich ein Autor an die Fakten hält. Bei "Der Pestengel von Freiburg" hatte ich trotzdem das Gefühl, dass alles sehr stimmig wirkte. Insgesamt fand ich alles nachvollziehbar und besonders bei der Beschreibung der allgemeinen Stimmung und Verzweiflung während der Pest, hat Frau Fritz es geschafft, mir das alles sehr nahezubringen. Ich konnte mir wirklich vorstellen, durch die verlassenen Straßen von Freiburg zu gehen und noch stellenweise die Schreie der Erkrankten und deren Angehörigen zu hören.

Sehr gut fand ich auch die Charaktere von Clara und Benedikt beschrieben. Beide sind die Helden dieses Buches, aber beide haben ihre Schwächen, die auch schonungslos beschrieben werden. Sie erfüllen Ihre Pflichten, sind mitfühlend und verantwortungsbewusst und doch sind sie auch - ganz menschlich - manchmal eigennützig und handeln auch so. Ihre verschiedenen Ansichten bezüglich Werte und Moral beeinflussen sich durch ihre Beziehung als Mutter und Sohn gegenseitig. Anfangs sorgt dies für mehr als nur Reibereien, aber als die Geschichte ihren Lauf nimmt, müssen beide erkennen, dass der jeweils andere mit seiner Sicht der Dinge gar nicht so falsch liegt.

Der Titel des Buches ist etwas irreführend. Zwar erfährt der Leser später, wofür er steht, aber eigentlich geht es hier um viel mehr als nur um die Zeiten der Pest. So ist "Der Pestengel von Freiburg" eigentlich eher die Biografie einer ganz normalen Frau / Famile zu dieser Zeit. Beschrieben werden Probleme und Geschehnisse, wie es sie wohl in vielen Familien damals gab und es geht um die ganz eigene Art der Familie Grathwohl, mit diesen umzugehen.

Insgesamt fand ich das Buch sehr schön und flüssig zu lesen. Stellenweise war die Geschichte etwas zäh und ereignislos, weil Frau Fritz viele Sachen auch lange und über mehrere Seiten hinweg beschreibt, die eventuell auch mit weniger Worten ausgekommen wären. Doch hinterher findet man immer, dass diese Erzählungen und Erklärungen sehr hilfreich dabei waren, sich in die Zeit hineinversetzt zu fühlen. Das Ende hätte ich durchaus schlechter bewertet, wenn es der Autorin nicht so hervorragend gelungen wäre, es doch spannend zu machen. Es wäre sehr vorhersehbar, ist es eigentlich auch, aber durch verschiedene Wendungen und Ereignisse war zumindest ich mir dann doch fast sicher, dass es nicht so kommen wird. Sie hat es also sehr schön geschafft, ein verhältnismäßig langweiliges Ende doch noch so gut zu verpacken.

Schön finde ich übrigens auch das umfangreiche Glossar am Ende. Ich hatte zwar eigentlich keine Verständnisprobleme, aber so hätte man kurz einen Ausdruck nachschlagen können, ohne den Faden zu verlieren.

Bewertung:

Das war dann auch mein letztes Themenlesen-Buch im August. Somit habe ich alle Bücher gelesen, die ich mir diesen Monat dafür ausgesucht hatte. Zwar waren es insgesamt weniger Bücher als geplant für den ganzen Monat, aber das Themenlesen war seeehr erfolgreich. Heute fange ich auch gleich das erste für September an. Es ist zwar erst der 30., aber dafür habe ich diesmal sooo viele Bücher, die zum Thema passen, da kann man ruhig eher anfangen.

Donnerstag, 30. Juni 2011

Die Wanderhure von Iny Lorentz


Zur, vielen wahrscheinlich bereits aus dem gleichnamigen Fernsehfilm bekannten, Geschichte: Marie ist die Tochter eines reichen Bürgers und soll bald mit einem traumhaften Schwiegersohn verheiratet werden. Doch der hat ganz andere Pläne und es mehr auf den Besitzt des lieben Schwiegerpapas abgesehen. Darum lässt er Marie kurzerhand entehren und klagt danach den Vater an, ihm seine nicht mer jungfräuliche Tochter unterjubeln zu wollen. Marie wird daraufhin kurzerhand als Hure verurteilt und aus ihrer Heimatstadt Konstanz verbannt, um fortan ein Leben als Wanderhure zu führen.

Das Buch hat mich schlichtweg umgehauen. Die Schreibweise von Iny Lorentz (wie ich erfahren musste, gibt es die gar nicht, sondern es handelt sich um das Pseudonym eines Autorenpaares) ist flüssig und trotz angemessen älterer Sprache nie staubig und trocken. So passt es zur Geschichte, langweilt jedoch nie. Wichtige Details zum damaligen Leben, die sicher nicht jedem Leser so geläufig sein dürfte, werden quasi mit der Geschichte vermittelt anstatt trocken, z.B. in Fußnoten, erklärt zu werden.

Die Geschichte selbst findet immer wieder neue Wendungen, manche vorhersehbar, manche wirklich komplett überraschend. Immer wieder tun sich besonders im Verhalten der Männer, denen Marie begegnet, menschliche Abgründe auf, bei denen einem fast schon der Ekel überkommt. Dabei bedienen sich die Autoren aber nie dem puren Horror und Ekel oder gar dem gern gesehenen Verkaufsgrund Sex, sondern es sind auch dabei die schöne Schreibweise und die Spannung, die den Leser faszinieren. So kommt trotz den satten 600 Seiten des Buches nie wirklich Langeweile auf. Ab und an gab es ein paar langatmige Seiten, vor allem dann, wenn die Reisen der Huren und deren Leben währenddessen, bzw. die Landschaften zu genau beschrieben wurden. Aber das ging immer schnell vorbei und die meist darauf folgendene Spannung in Form von sich überschlagenden Ereignissen haben mich mehr als dafür entschädigt.

Besonders interessant fand ich die Entwicklung der Charaktere, allen voran natürlich Marie. Im Verlaufe des Buches wird sie von der braven, schüchternen, verängstigten Bürgerstochter zu einer Frau, die so tough wirkt, als ob ihr nichts und niemand mehr etwas anhaben kann.

Ich werde mir auf jeden Fall noch die beiden Nachfolger besorgen und hoffen, dass diese mich auch so begeistern.

Bewertung: